Idil Biret
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Interviews

Rondo

Germany / Mai 1997
Idil Biret / Unerschutterliche Liebe

Das Klavier war Brahms’ Instrument. Ihm hat er seine geheimsten Regungen anvertraut. Und was reizt einen Musiker an Brahms’ Klaviermusik? Die turkische Pianistin Idil Biret gibt die Antwort.

Frau Biret, Sie haben gerade eine Gesamteinspielung des Klavierweks von Brahms abgechlossen. Wann kamen Sie zum ersten Mal mit seiner Musik in Beruhrung?

Idil Biret: Ich war sieben, als ich nach Paris kam. Dort war Brahms nichtunbedingt hoch angesehen; seine “leichte Musik” schon – die Ungarische Tanze etwa, aber sonst galt er als schwerfallig, niemand wollte sich mit ihm so recht beschaftigen. Eines abends hatten meine Eltern Besuch des turkischen komponisten Nevit Kodalli, einem Freund Arthur Honnegers. Und er schwarmte von Brahms, seinem Sinn fur grosse Architektur. Er sprach naturlich zu meinen eltern, aber ich war neugierig geworden und versuchte alles zu spielen, dessen ich habhaft werden konnte. Zum Beispiel die Toscanini/Horowitz-Einspielung des Zweiten Klavierkonzerts – die habe ich so oft gehort, das ich nach Gehor den Klavier – und Orchesterpart gleichzeitig am Flugel darstellen konnte.

Was meinten Ihre Lehrer zu dieser Brahms-Begeisterung?

Als ich nadia Boulanger zu Brahms befragte, meinte sie nur: “Nicht unbedingt etwas fur Kinder,” Aber auch Deutsche haben da Probleme. Wilhelm Kempff etwa spielte gerne die Erste und die Zweite Sonate, aber er hat Schumann hoher geschatzt: “Schumann ist poetischer.”

Wenn man Ihre Gesamteinspielung Revue passieren lasst, hat vieles einen besonders intimen Character – so als ob jemand die Musik versunken am heimischen Flugel betrachtete …

Ich finde diese introvertierte Qualitat zum Beispiel der Intermezzi ganz wichtig. Sie ist vielleicht schuld daran, dass Brahms so uberraschend selten im Konzert gespielt wird – wann hort man schon einmal die Vier Balladen?

Sie spielen auf der ganzen Welt: Gibt es Unterschiede darin, wie Brahms vom Publikum angenommen wird?

Bestimmte Stucke kann man in China wie in Amerika spielen – die Paganini Variationen oder die Hungarische Tanze -, bei anderen hangt es davon ab, wie das Program aufgebaut ist: Als Kontrast kann man die Intermezzi durchaus spielen, wie ja auch ein Chopin-Nocturne nicht in jades Progarm passt.

Was verlangt das Brahms-Spiel vom Interpreten?

Eine Ganz besondere Form der Konzentration. Es geht nicht einfach nur darum, bei der Sache zu sein, das ist ja selbstverstandlich, man darf bei dieser Musik keine Konzessionen machen. Es ist fast ein wenig paradox: Wenn man glaubt, dem Horer eines Intermezzo entgegenkommen zu mussen, dann wird dasitzen und denken: “Ist das lengweilig.” Die Intensitat, die dise Stucke brauchen, erreicht man, nur, wenn man sie vollkommen ernst nimmt. Und das ist schwer. Zugleich hat man bei Brahms mehr Freiheiten, als man vielleicht glaubt. So heisst es in Berichten von Zeitgenossen, er habe sehr viel Rubato verwendet – so viel , dass Clara Schumann versucht hat, ihn zu zahmen.

Was bedeutet Brahms fur die Geschichte des Klavierspiels?

Brahms ist auf seine Weise ein ebenso grosser Erforscher der pianistischen Technik gewesen wie Chopin oder Liszt. Es ist faszinierend zu sehen, wie jede der “Spezialitaten”

Seines Klaviersatzes in seinen 51 Fingerubungen bis zum Ende gedacht wird. Ich habe diese Stucke als erste aufgenommen, glaube ich, zumindest kenne ich keine andere Einspielung, und das ist erstaunlich, denn ich finde manche stucke wirklich wunderschon.

Und – lieben sie Brahms nach dieser Gesamtaufnahme noch?

Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber ich spiele ihn immer wieder zu hause zum Vergnugen.

Das Interview fuhrte Stefan Hessbruggen-Walter