Idil Biret
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Interviews

Carsten Dürer

pianok.jpgIDIL BIRET
Von Brahms und dem Klavier

Ein Interview mit der Pianistin Idil Biret über Brahms und Gesamteinspielungen

Geboren ist sie in Ankara, aufgewachsen in Frankreich und sie war einst Schülerin der legendären Nadja Boulanger, bevor Wilhelm Kempff sie unter seine Fittiche nahm: Heute steht der Name Idil Biret für Interpretationen mit geradezu lexikalischen Ausmaßen.

So hat sie sich seit Jahren für das Klavierwerk Chopins und Brahms’ auch auf dem Aufnahmesektor stark gemacht – und mit ihrer nun vollendeten Gesamteinspielung aller zweihändigen Werke von Johannes Brahms einen Meilenstein zum 100. Todesjahr des deutschen Komponisten vorgelegt.
PIANONews sprach mit der Künstlerin, die zur Zeit im Bochumer Thürmer-Saal ihren Brahms-Zyklus auch live vorträgt.

PIANONews: Frau Biret, normalerweise hält man ja den Hang zu Gesamtaufnahmen für ein typisch deutsches Phänomen. Ist das ein Vorurteil?

Idil Biret: Als ich in Paris studierte, sagte meine Lehrerin Nadia Boulanger: “Bei den Deutschen ist alles sehr gründlich, sehr tief.” Das war ihre Ansicht. Ich finde auch, daß man – wenn man etwas erarbeitet – sehr genau sein sollte. Man sollte sehr genau über die Werke, mit denen man zu tun hat, lesen; man sollte Analysen machen. Und das natürlich nicht, um pedantisch zu sein – das ist immer die Gefahr. Man darf trotzdem niemals die Inspiration verlieren. Aber der erste Schritt muß sehr genau vorbereitet sein – erst dann dürfen Sie alles wieder vergessen.

PIANONews: Bei der Gesamtaufnahme folgt man einer interessanten Idee – der Idee, daß alle Werke eines Komponisten zusammengehören, wie auf einer anderen Ebene die Sätze des Werks.

Idil Biret: Ja natürlich! Es gibt Sachen, die kommen regelmäßig wieder. Zum Beispiel werde ich heute abend die Schumann-Variationen spielen und die Klavierstücke op. 76 – und diese beiden Werke haben sehr viel miteinander zu tun. Die Nummer vier aus op. 76 ist zum Beispiel geradezu “schumannesk”. Ich habe schon mit dreizehn Jahren op. 76 gespielt und mir angewöhnt, es wie ein typisches Brahms-Stück zu interpretieren. Als ich es dann Kempff vorspielte, sagte er: “Nein – das ist ein Schumann-Stück. Warum spielst du das so? Es ist nicht mehr Brahms.” Und das ist wahr.

PIANONews: Wie ist Ihr Weg zu Brahms gewesen? Wann haben Sie ihn endeckt? Ist der Weg über Schumann gegangen?

Idil Biret: Als Kind habe ich immer Schumann gehört und Bach, Mozart, Beethoven. Von Brahms kannte ich zunächst nur ein oder zwei Ungarische Tänze. Aber als ich sieben oder acht Jahre alt war und wir schon in Paris lebten, kam eine sehr gute Pianistin zu Besuch, und sie spielte zwei Stücke aus op. 76…

PIANONews: Das wissen Sie noch so genau…?

Idil Biret: Sehr gut sogar. Ich werde das nie vergessen. Und sie spielte die Nummer eins von Opus 117. Da wußte ich, das ist meine Musik. Wenn ich selbst Musik schreiben könnte – ich würde so schreiben.

PIANONews: Normalerweise gelten die späten Stücke von Brahms als spekulativ, als einsame Monologe, als spröde. Haben Sie das nicht so empfunden?

Idil Biret: Nein. Es war für mich ganz meine Musik…

PIANONews: Welche Rolle hat Ihre Lehrerin Nadja Boulanger bei Ihrer Brahms-Annäherung gespielt?

Idil Biret: Eine interessante Rolle. Sie sagte: “Das ist keine Musik für Kinder. Du kannst das nicht verstehen, das ist nichts für dich. Warte damit.” Sie wollte, daß ich Scarlatti spiele. Und natürlich habe ich nicht gewartet. Ich habe das zweite Klavierkonzert mit Toscanini und Horowitz auf Schallplatte gehört. Meine Eltern hatten das für mich gekauft. Und ich spielte das ganze Konzert auswendig von der Schallplatte. Ich machte mir sogar meinen eigenen Klavierauszug. Nadja Boulanger sagte immer noch: “Du bist zu jung.” Und aus Trotz habe ich es dann erst recht gespielt. Aber ich war diplomatisch: ich habe es nur zu Hause gespielt.

PIANONews: Stimmt es, daß im Ausland, zum Beispiel in Frankreich, die Brahms-Akzeptanz tatsächlich so schlecht ist?

Idil Biret: Leider. Ich verstehe es nicht. In dieser Zeit, als ich klein war, sagte man, Brahms sei zu schwerfällig. Die Musik sei schlecht orchestriert. Für mich ist Brahms ein ganz typischer Klang. Man muß es akzeptieren. In Frankreich sind Schumann und Schubert akzeptiert, aber nicht Brahms.

PIANONews: Vielleicht ist auch die Klaviermusik für bestimmte Leute nicht brillant genug.

Idil Biret: Die Paganini-Variationen und auch manche der Ungarischen Tänze sind sehr schwer zu spielen, sie sind sehr pianistisch…

PIANONews:Wo ich eben nach Nadja Boulanger gefragt habe, muß ich jetzt auch noch nach Wilhelm Kempff fragen. Er steht in Ihrer Biographie als “Berater”. Was ist damit gemeint?

Idil Biret: Er war auch ein Lehrer: ich habe ihn regelmäßig gesehen, aber nicht jeden Tag. Er hat jedoch gesagt, ich soll nach dem Konservatorium zu ihm kommen – nicht früher…

PIANONews: Warum?

Idil Biret: Er sagte, ich würde sonst Probleme mit meinen Lehrern kriegen, wenn sie wissen wollten, warum ich etwas plötzlich so und nicht anders spiele. Als ich mit dem Konservatorium fertig war, bin ich regelmäßig nach Positano gegangen. Wir haben dann zehn Tage oder zwei Wochen hintereinander gearbeitet. Es war die beste Schule, die ich bekommen konnte.

PIANONews: Und Kempff war selbst auch ein sehr bedeutender Brahms-Interpret…

Idil Biret: Ich finde schon; Brahms ist eine sehr massive Musik, die viele zu schwerfällig und ein bißchen langweilig spielen. Kempff hat alles ein bißchen leichter gemacht.

PIANONews: Glauben Sie, daß Sie diese Eigenschaft des “leichten Brahms” von ihm haben?

Idil Biret: Ich hoffe.

PIANONews: Wir haben gerade über die Brahms-Akzeptanz gesprochen, die Vorwürfe, er sei ein schlechter Orchestrator. Bis in die Wiener Jahre hinein kannten die Zeitgenossen Brahms in erster Linie als Pianist, als Klaviervirtuosen. Und es ist doch erstaunlich, daß die Klaviermusik für das breite Publikum im Gesamtwerk von Brahms gar keine so große Rolle spielt…

Idil Biret: Nein.

PIANONews: Dabei muß ja seine Klaviermusik eine grundlegende Bedeutung besitzen?

Idil Biret: Das Klavier war für ihn ein Instrument, auf dem er seine Ideen zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentieren konnte. Er war ein unglaublich begabter Pianist, und er macht auf dem Instrument Sachen, die noch nie jemand gemacht hat.

PIANONews: Zum Beispiel?

Idil Biret: In den Paganini-Variationen gibt es zum Beispiel diese eine Variation mit abwechselnd einem Oktavgriff und anschließender Prime, das ganze sehr schnell als Lauf abwärts. Außerdem viele Konstruktionen mit Doppelgriffen aus Terzen und Sexten – das ganze verbunden mit Polyphonie. Das ergibt eine völlig neue Aufwertung des Klaviers. Brahms ist für mich einer der größten Klavierkomponisten, etwa wie Chopin.

PIANONews: Sie haben in Ihrer Einspielung auch die Klavierübungen ohne Opuszahl aufgenommen, die ja eigentlich keine Stücke sind, sondern technische Tabellen zum Abarbeiten. Warum?

Idil Biret: Ich glaube, es war sehr wichtig. Durch die Übungen kann man den Klavierkomponisten Brahms besser verstehen…

PIANONews: Im kompositorischen oder technischen Sinne?

Idil Biret: Das ist eine Einheit.

PIANONews: Sind diese Übungen geeignet, um sich als Pianist ganz speziell auf Brahms-Kompositionen vorzubereiten?

Idil Biret: Ja natürlich.

PIANONews: Und Sie haben einen sehr modernen Touch. Sie erinnern fast an Minimalmusic, an Michael Nyman.

Idil Biret: Ja, man kann es sehr leicht hören – stundenlang. Es hat etwas beruhigendes…

PIANONews: Aber Sie machen am Ende jeder Etüde ein Ritardando. Das müßte man dann weglassen.

Idil Biret: Ich dachte, wenn man es zu trocken macht, wäre das einfach zu viel. Ich war, ehrlich gesagt, selbst etwas gelangweilt, ich wollte keine Minimalmusic machen…

PIANONews: Würden Sie diese Sachen auch im Konzert spielen?

Idil Biret: Nein, das wäre zu anstrengend, aber vielleicht in anderem Konzept, mit mehreren Pianisten…

PIANONews: Das wäre doch eine tolle Idee zum Brahms-Jahr gewesen: Die Etüden, vielleicht ein bißchen orchestriert, als Minimal-Stücke. Nun ist es zu spät, wir müssen auf den Todestag des nächsten Pianisten warten, der Etüden geschrieben hat.

Idil Biret: Ich kenne keinen, der diese Art von Übungen gemacht hätte. Liszt nicht, Rachmaninoff nicht, auch Czerny nicht. Bei ihnen sind Etüden immer richtige kleine Kompositionen.

PIANONews: In dieser Beziehung war Brahms also richtig modern.

Idil Biret: Das ist sehr modern! Das ist dieselbe Idee, die es später bei Pischna gibt.

PIANONews: Also, nochmals auf die Frage zurückkommend: Sie spielen diese Etüden nicht im Konzert, auch hier in Bochum nicht, wo Sie das gesamte zweihändige Klavierwerk auch live spielen?

Idil Biret: Nein. Das wäre wirklich etwas zu viel. Oder man müßte es über einen längeren Zeitraum spielen – und die Leute können rausgehen und kommen, wie sie wollen…

PIANONews: Nun zu einer Abweichung in Ihrem Brahms-Programm. Ihre Einspielung enthält auch ein Stück von Schumann – Introduktion und Allegro für Klavier und Orchester op. 134. Warum Schumann in einer Brahms-Gesamtaufnahme?

Idil Biret: Zwei Klavierkonzerte paßten nicht auf die CD, bei nur einem blieb Platz, der gefüllt werden mußte. Und da dachte ich, Schumann würde gut passen. Mein Mann machte mich als erster darauf aufmerksam, daß das Schumann-Werk op. 134 und das erste Brahms-Konzert das gleiche Thema besitzen. Das Brahms-Stück ist also eine Art große Variation des Schumann-Stückes, im Brahmsschen Sinne Variationen, einige Sachen kommen ja sogar im Deutschen Requiem wieder. Ich arbeite gerade an einer großen Analyse über diese Zusammenhänge.

PIANONews: Das ergänzt ja die Geschichte, daß Brahms in seinem ersten Klavierkonzert Schumanns Selbstmordversuch mitverarbeitet hat; und man hat ja lange überlegt, für wen das Requiem eigentlich ist. Würde Sie das nicht reizen, vor diesem Hintergrund eine Schumann-Gesamtaufnahme zu machen?

Idil Biret: Ich weiß nicht. Schumann ist pianistisch gesehen ganz anders…

PIANONews: Sie haben jetzt vor, die Symphonien Brahms’ für zweihändiges Klavier zu bearbeiten. Was reizt Sie daran?

Idil Biret: Das ist meine Kindheit. Ich habe die Symphonien schon als Kind von der Schallplatte nachgespielt. Bei EMI habe ich die Liszt-Bearbeitungen der Beethoven-Symphonien eingespielt, und nun versuche ich, Brahms’ Orchestermusik auf dem Klavier darzustellen. Ich habe mich dabei sehr an den vierhändigen Transkriptionen orientiert, die es von Brahms selbst gibt.

PIANONews: Wenn Brahms jetzt zur Tür hereinkommen würde, und Sie die Chance hätten, mit ihm zu reden, was würden Sie ihn als allererstes fragen?

Idil Biret: Ich würde ihn bitten zu spielen, fragen würde ich erst später…

© STACCATO-Verlag

Carsten Dürer, Oktober 1997